1 Was ist ein Resupinatporling?

Wer aufmerksam durch den Wald geht, hat diesen Pilz bestimmt schon einmal gesehen:

Er ist einer der häufigsten und bekanntesten Pilze überhaupt – der Rotrandige Baumschwamm (Fomitopsis pinicola). Auf seiner Hutunterseite findet man Poren, die mit dem Hutfleisch fest verwachsen sind. Pilze, die so beschaffen sind, bezeichnet man als Porlinge.

Neben Porlingen, die einen Hut ausbilden, findet man die holzzersetzenden Pilze auch in einer hutlosen Form; sie liegen einfach flach auf Rinde oder Holz. Solche Pilze werden Resupinatporlinge1 genannt.

2 Der Pilz mit dem bloßen Auge betrachtet

Der Grauweiße Resupinatporling (Cinereomyces lindbladii), den wir nun betrachten, ist – wie der Name bereits verrät – ein solcher Resupinatporling. Auf den ersten Blick sieht er unscheinbar aus. Er wächst flächig auf Holz und hat weiße Poren:

Wenn man ihn genauer betrachtet, kann man die Poren besser erkennen und Grautöne erahnen:

Trägt man eine Jodlösung auf, kommt Farbe ins Spiel: Die Poren verfärben sich nach einiger Zeit schwach blau-grünlich:

3 Der Pilz unter dem Mikroskop

Was den Pilz aber erst so richtig interessant macht, kann man nur unter dem Mikroskop beobachten. Um fester und widerstandsfähiger zu sein, bilden einige Pilze besonders dickwandige Pilzfäden aus. Diese Pilzfäden sind unter Fachleuten als Skeletthyphen bekannt. Auch der Grauweiße Resupinatporling besitzt solche Skeletthyphen – und zwar mit einer ganz besonderen Eigenschaft: Sie lösen sich in Kalilauge auf!

Diese Phänomen ist so spezifisch, dass man Funde von Resupinatporlingen mit diesem Merkmal sofort als den Grauweißen Resupinatporling entlarven kann. Kein anderer Pilz, der dem Holz flach aufliegt und Poren ausbildet, ist nämlich solch ein Verwandlungskünstler2. Man könnte fast behaupten, er sei der Houdini unter den Resupinatporlingen!


  1. Das Wort „resupinat“ lässt sich mit „auf dem Rücken liegend“ übersetzen. Um im Bild zu bleiben: Der Rücken des Pilzes liegt auf dem Holz, der Bauch – die Fruchtschicht, wo die Sporen gebildet werden – liegt frei. Bilden die Fruchtkörper nun zusätzlich noch Poren aus, nennen wir sie „Resupinatporlinge“. ↩︎

  2. Streng genommen gibt es noch einen weiteren resupinat wachsenden Porling, dessen Skeletthyphen sich in Kalilauge auflösen – die Art Skeletocutis papyracea. Allerdings ist sie so selten, dass sie nicht einmal einen deutschen Namen trägt und bisher in Deutschland nur einmal im Jahre 1989 kartiert wurde. Zudem könnte man sie auch anhand der Kalilaugenreaktion unterscheiden, denn ihre Hyphen lösen sich nur teilweise und nicht vollständig auf. ↩︎